Die schnellsten Schutzengel dieser Welt fuhren mit!




Genau 200 Fahrer haben sich für das Rennen von St. Ursanne - Les Rangiers angemeldet. Damit wir bei dem prall gefüllten Fahrerlager unseren Platz bekamen, reisten wir bereits Donnerstagabend an. Unser Platz war dann vom Veranstalter perfekt reserviert. Am Freitag besuchten uns viele Freunde und Bekannte und wir mussten zusehen, dass wir unser Programm rechtzeitig abarbeiten konnten. Schlussendlich reichte es aber für alles und ich konnte auch die Strecke gut besichtigen.

 

Samstagfrüh begann die Veranstaltung mit fast einer halben Stunde Verspätung und trotzdem konnten wir nach Plan zum 1. Trainingslauf vorziehen. Weil noch nicht ganz alle bereit waren, nahm ich halt schon mal eine leicht frühere Startposition ein. Mir gelang auf Anhieb ein guter Lauf im unteren Streckenteil. Aber am „kleinen Susten“, den letzten drei Spitzkehren, war überhaupt kein Grip vorhanden, was für mich beinahe ein Dreher in der 2. Haarnadel zur Folge hatte. In 1.49.69 begann ich etwa auf demselben Level wie letztes Jahr. Simone Faggioli (Osella FA30, 1.47.43) zeigte uns schon mal den Meister. Hinter mir lagen David Hauser (Dallara GP2, 1.52.01), Joel Volluz (Osella FA30, 1.54.35) und Julien Ducommun (Osella FA30, 1.54.46).

 

Mit besseren Reifen und leicht geänderter Aerodynamik an der Front rückte ich zum 2. Training aus. Auf der schnellen Gerade Richtung „Grippons“ fing der Osella aber wieder an zu „bouncen“, fast wie in alten Tagen. Am „petit Susten“ war der Grip immer noch nicht viel besser. Dennoch konnte ich mich auf 1.47.07 verbessern und den Rückstand zu Faggioli (1.46.74) verkürzen. Zudem rückten Volluz, Hauser und Ducommun eng zusammen, allesamt mit 1.50-er Zeiten.

 

Mit wieder zurückgebauter Aerodynamik und leicht geändertem Set-Up trat ich zum 3. Probelauf an. In der ganzen Waldpassage fühlte sich der Osella ausgezeichnet an und laut Datenaufzeichnung konnte ich sogar zum Teil schneller fahren, als in meinem schnellsten Rennlauf. Beim Anbremsen der Spitzkehren konnte ich über die Wippschaltung aber nicht zurückschalten. Erst in der Kurve und durch mehrmaliges Betätigen gelang es mir, wenigstens in den 2. Gang zurück zu kommen. Vor der 3. Spitzkehre genau dasselbe Problem. Somit war meine Laufzeit von 1.46.31 doch zufriedenstellend. Simone legte nochmals 1.44.81 vor, Joel schloss in 1.47.16 zu mir auf, Hauser steigerte sich auf 1.49.94 und Julien blieb bei 1.50.75. Diese Trainingzeiten versprachen sehr viel Spannung für das Rennen, da man bei den einzelnen Konkurrenten nicht genau wusste, wie viel sie von ihrem Potenzial offen legten.

 

Die Anspannung am Sonntagmorgen war gross, zumal auch noch gemäss Wetterbericht und Temperaturen wohl im 1. Rennlauf die besten Bedingungen herrschten. Als zweitletzter Fahrer nahm ich diesen Wertungslauf unter die neuen Reifen meines Osella‘s. Der Start gelang mir fast perfekt und unten bei der „Garage“ konnte ich viel Schwung mit auf die lange Vollgaspassage Richtung „Grippons“ mitnehmen. Auch beim „Grippons“ konnte ich gegenüber dem Training meinen Speed steigern. Am Waldeingang wäre sicher noch etwas mehr drin gelegen, aber trotzdem konnte ich ein wenig mehr Drehzahl ins Geschlängel im Wald mitnehmen. In der letzten Rechtskurve vor der kurzen Geraden Richtung „Spiegelkurve“ leuchtete auch schon die Schaltlampe und forderte den 6. Gang. Als ich den 6. Gang schaltete und die Bodenwelle passierte, verlor meine Vorderachse den Bodenkontakt. Danach ging alles blitzschnell und unausweichlich! Der Osella schoss über den linken Pistenrand hinaus in das Strassenbord, wo mich eine Strohballe in die Luft katapultierte. Nach etwa 50 Meter Flug, einer längeren Rutschpartie über die Strasse und einem „auf der Leitplanke schlittern“ von etwa 20 Metern stand mein Wrack endlich still. Wie durch ein Wunder konnte ich mich selber losschnallen und ohne Hilfe das Auto verlassen. Als ich den Helm ausgezogen hatte, kam auch schon Simone Faggioli angebraust. Während meines Fluges habe ich leider noch einen Streckenposten ausser Gefecht gesetzt, von daher hat das Warnsystem für den nachfolgenden Fahrer wohl nicht mehr optimal funktioniert. Ich möchte mich beim Streckenposten nochmals herzlich entschuldigen und hoffe, dass die Wunden bald verheilen. Mein Unfall zeigt einmal mehr, dass das komplette Schweizer „Warnsystem für nachfolgende Fahrer“ wirklich neu überdacht werden sollte.

 

Nachdem mein Unfall von den FIA-Kommissaren aufgenommen war, wurde mein demolierter Osella auf den Abschlepp-LKW aufgeladen und nach unten gebracht. Nach mehreren medizinischen Untersuchungen wurde ich dann von der Rennleitung auch im Startbereich abgesetzt, wo mich viele Zuschauer gebannt erwarteten. Die positiven Reaktionen und die Anteilnahme der Menschen war überwältigend und sehr emotional. Natürlich war auch mein Team überglücklich, als ich ohne einen Kratzer zurück kam und sie mich in die Arme schliessen konnten. An diesem Sonntag hatten die Schutzengel wohl etwas längere Flügel…

 

Das Rennen lief dann weiter und Simone Faggioli fuhr bei seiner Laufwiederholung nach dem langen Unterbruch in 1.43.11 einen neuen Streckenrekord. Auch nach drei Läufen war Simone erwartungsgemäss noch in Führung und gewann zum wiederholten Male dieses Rennen. Hinter ihm reihten sich Joel Volluz, David Hauser und Julien Ducommun auf den weiteren Plätzen ein.

 

Gleich am Montag- und Dienstagabend zerlegten wir den Osella, begutachteten den Schaden und machten ihn bereit für die „Osella-Klinik“. Jetzt ist er bereits in Italien im Werk zur Generalüberholung.

 

Beim Bergrennen von Oberhallau (24. - 25. August) werde ich zwangsweise pausieren müssen, da die Nennfrist bereits abgelaufen und ein Klassenwechsel nicht mehr möglich ist. Aber am Heimrennen am Gurnigel (07. - 08. September) möchte ich mit dem alten Martini MK77 wieder am Start stehen. Mit diesem Auto werde wohl nicht ganz konkurrenzfähig sein. Aber immerhin kann ich für meine Sponsoren und Fans dabei sein und hoffe auf grosse Unterstützung von euch.

 

Bis bald…

Marcel

 

Rangliste
⇒Gesamtergebnis Rennen 2013
⇒Gesamtergebnis Training 2013
⇒Klassenergebnis Training 2013